Wo nicht nur Maas und Rhein sich treffen

Rotterdam Travel Blog

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Rotterdams schönste Ecke: Der Maashafen mit Blick auf die Wilhelmsbrug
Da ich ohne Diplomatenstatus in Den Haag nicht mehr viel anfangen konnte, war es am Montag Zeit, Rotterdam anzusteuern. Ich schlief lange aus, ließ den Tag ruhig angehen und organisierte mich ein wenig. Danach hing ich mit Chritoph noch etwas herum, sodass es schon um sieben war, als ich das Trampen anfing. Aber ich machte mir keine Sorgen, denn ich stand direkt am Beginn der Autobahn an einer offiziellen Lifterstelle, wie es sie in allen großen Städten der Niederlande gibt, und bis Rotterdam waren es gerade einmal 30 Kilometer.

Es dauerte auch gar nicht lange und ein Wagen hielt, der nach Rotterdam fuhr. Ich war noch nicht einmal richtig eingestiegen, da hielt mir der ältere Herr hinter dem Steuer schon eine Mandarine vor die Nase, die ich genüsslich verspeiste.
Zwei Grinsekekse auf einem Bild: Cordelia und ich
Dann wurde es schwieriger. Die ersten paar Sätze hatte ich auf Niederländisch getätigt und nun stellte sich heraus, dass mein Fahrer eigentlich Türke war und nur seine Muttersprache und Niederländisch beherrschte. Nach kurzem Gestammel beschloss ich, kein peinliches Schweigen aufkommen lassen zu wollen und gab mein Bestes. Und siehe da, es lief und wir konnten uns bis Rotterdam zwar beschwerlich aber trotzdem ganz interessant unterhalten. Die Situation war entspannt und wir beide hatten unseren Spaß daran. Man muss halt nicht immer die gleiche Sprache sprechen um sich zu verstehen.

In Rotterdam ging dann sie Sonne auf. Das ist natürlich symbolisch zu verstehen, denn eigentlich war es Cordelia, die die Nacht mit ihrem Lächeln erhellte. Wir trafen uns am Bahnhof und hatten noch nicht ein Wort gewechselt, da wusste ich schon, dass es mit ihr sehr witzig werden würde.
Busy Rotterdam: Die Hochhäuser der "Nationale Nederlanden" und eine Baustelle, wie sie hier überall zu sehen ist
Cordelia ist 20, studiert Tanz in Rotterdam und kommt aus Deutschland, sodass sie verstand, worauf ich sie gleich am Anfang taufte: "Grinsekeks" Es gab nichts, worüber wir in eine Meinungverschiedenheit hätten geraten können und selbst wenn, wäre diese mit unserem allgemeingültigen Mottosatz schnell behoben gewesen: "Keep on smiling!"

Am Dienstag wollte ich dann Rotterdam erkunden und ließ mir beim obligatorischen Kaffee am Anfang Zeit, meine Pläne zu schmieden. Zugegeben, in Rotterdam gab es nicht viel zu sehen - zumindest von der Art, die ich bisher kennen gelernt hatte. Denn eines ist klar: In Rotterdam wird das Geld verdient, in Den Haag wird darüber geredet und in Amsterdam wird es ausgegeben.
Die andere Seite: Blick auf Rotterdams Wahrzeichen, die Erasmusbrug mit etwas Kunst kombiniert
Die Skyline hier ist von Wolkenkratzern gezackt, die die wenigen alten Gebäude, die die Deutschen überlebt haben, unter sich begraben und Arbeit ist definitiv die wichtigste Tätigkeit. Doch wie in keiner anderen Stadt hat sich hier auch eine soziale Unterschicht herausgebildet, was ohne Zweifel nicht zu unterschätzende kriminelle Aktivitäten nach sich zieht. Die riesige Chinatown, der leichte Hauch von Dreck überall und ncht zu letzt viele fadenscheinige Gestalten geben Rotterdam eine herausfordernde Note von Gesetzlosigkeit und Gefahr.

Hinzu kommt, was mich auch schon in Hamburg gekitzelt hatte: Der Hafen. Rotterdam hat den größten  überhaupt und spätestens als ich an der Maas angelangte, wo im Minutentakt Schiffe wie Ameisen passieren, fühlte ich wieder dieses Gefühl, das ein großer Hafen in einer Stadt versprüht.
Irgendwas stimmt hier nicht: Das Cube House bringt sämtliche Perspektive durcheinander
Von hier aus könnte man mit etwas Glück nahezu überall hinfahren und das machen, was einem ewig insgeheim im Sinn gestanden hat. Es ist sicherlich gar nicht so schwer, man muss sich nur trauen und über die Reling steigen. Eigentlich ist es wie überall, denn wir sind alle an Bord unseres kleinen Bootes, das auf dem Ozean der Welt seine Kreise zieht. Manche entdecken neue Kontinente und manche verlassen die Küste nie. Wie auch immer, die Präsenz des Hafens konfrontierte dieses innige Sehnen nach Freiheit und Erfüllung mit der Möglichkeit eben das zu erlangen und krönte das Ganze mit einer Sahnehaube aus Fernweh und Abenteuerlust. Ein wunderbares Gefühl, das belebt und nach vorne treibt.

Doch erst einmal war es mein Magen, der mich trieb. Ich ging zum Wochenmarkt, denn das war definitiv die günstigste Gelegeheit etwas zum Kauen zu ergattern.
Hat die Deutschen überlebt: Die Grote Kerk
Nachdem ich etwas gefeilscht und meinen Bauch gefüllt hatte geschah einmal mehr ein wunderbarer Zufall. Ich wollte gerade weiterlaufen, ohne wirklich zu wissen wohin, als mir eine Prise des Duftes in die Nase wehte, der in den Niederlanden vollkommen legal und weit verbreitet ist. Um dessen Quelle zu orten, drehte ich mich um und erblickte Jaap, der mir ein freundliches Lächeln schenkte. Wir kamen ins Gespräch und nachdem ich ihm erklärt hatte, was ich mache, lud er mich auf einen Kaffee ein und erzählte ein wenig von sich.

Es war ein seltsam glückliches Zusammentreffen, denn genau wie ich hatte er während der Schulzeit vier Jahre lang in zwei Theatergruppen gespielt und war danach, ebenfalls mit 18, für drei Monate auf eine Trampingreise durch Europa gegangen.
Nette Aussicht: Blick aus Cordelias Fenster
Dieser Kerl musste mein Doppelgänger sein. Doch es war nicht die selbstverständliche Erkenntnis, ich nicht der einzige zu sein, der ein solches Leben führt, sondern der Umstand, dass ich durch diesen riesigen und doch fast nebensächlichen Zufall jemanden traf, der es mit mir teilte. Ich war auf meinem Weg, den er fünf Jahre vor mir gegangen war und trotzdem waren wir beide zusammen hier. Zwei Schiffe aus weit entfernten Häfen trafen sich in unbekannten Gewässern und tauschten sich in der universellen Morsesprache aus. Waren unsere vielen kleinen Wege nicht in Wirklichkeit ein großer Platz?

Diese Frage beschäftigte mich noch abends, als ich die Gelegenheit beim Schopfe packte, endlich wieder einmal meine geliebten Spaghetti Aglio zu kochen und mir gehörig den Magen vollschlug.
Zwei ungleiche Doppelgänger: Jaap und ich
Cordelia hatte am nächsten Tag einiges vor und ließ es mit meiner Knoblauchkonzentrat-Soße deshalb etwas ruhiger angehen. Bei einem Bier und einer Zigarette am Fenster redeten wir, bis der Abend erschöpft aufgab und taten natürlich eines: Lachen.

Vom Mittwoch gibt es hier nicht sonderlich viel zu berichten, da der dem Tagesausflug nach Delft gewidmet war. Bei meiner Rückkehr am Abend wartete Cordelia schon mit einer leckeren Broccolisuppe auf mich und alles war eigentlich perfekt. Eigentlich hatte ich auch alles was ich wollte: Ich hatte einen wunderbar glücklichen Tag verbracht, Cordelia flößte mir unnachlässig hoch konzentrierten Spaß ein und ich betrieb mit ihrem polnischen Mitbewohner regen Austausch. Dennoch war da etwas, das nicht stimmte. Seit Amsterdam hatte sich das Gefühl manifestiert, dass ich irgendwie ausgebrannt war, mich bewegte und doch sinnlos auf der Stelle trat.
Ehemals ein Wolkenkratzer: Het Witt Huis war im 19. Jahrhundert lange das höchste Gebäude der Welt
Ich machte mir Sorgen um meinen mittlerweile reichlich verspäteten Zeitplan und konnte mir nicht erklären, wie ich dieses Problem am besten lösen sollte. Ich brauchte dringend ein neues Etappenziel vor Augen, dass mich motiviert. Ich wusste, dass ich bald an eine Kreuzung gelangen würde, doch hatte ich keine Ahnung, wohin die Wege führen und welchen ich nehmen würde. Es blieb nur eine Wahl: Lächeln und sehen, was kommt.

Erkenntnis der Tage: Folge deiner Nase.

Held der Tage: Cordelia, mein Grinsekeks
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Das Stadhuis von Rotterdam
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Rotterdam
photo by: polvandenwirre