Wegweiser im Mondschein

Utrecht Travel Blog

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Blick auf den Domturm aus einem Hinterhof
Am Donnerstag stand ich lächelnd auf und wollte sehen, was kommt. Obwohl der Süden langsam drängelte, musste ich den Niederlanden in Utrecht noch ein letztes Mal die Ehre geben. Das war wohl die beste Entscheidung, die ich treffen konnte, denn obwohl ich die Stadt fast nur bei Nacht gesehen habe, hat sich meine seltsame Anspannung hier in eine freudige Lösung und frische Energie verwandelt und ich glaube, alles entwickelt sich zum Besten. Aber lasst mich der Reihe nach berichten:

Nachdem ich mich mit einem weinenden und natürlich einem lachenden Auge von Cordelia verabschiedet und mich bei einem "belegd broodje" für die kommende Etappe gestärkt hatte, machte ich mich ans Werk und fuhr den Daumen aus.
Hollala, verdammt heiß: Jasmijn und Iris
Kein Fahrer hätte sich eine bessere Stelle zum Halten wünschen können und doch dauerte es ungewöhnlich lange, bis jemand stoppte. Der ältere Herr streckte mir beim Einsteigen  beherzt seine Hand entgegen und erkannte an meinem Akzent schnell, woher ich komme. So begann er, in nahezu perfektem Deutsch mit mir zu reden, legte mir sogar seine Meinung zu Thomas Mann dar, während ich so gut ich konnte in Niederländisch dagegen hielt. Mit dem Satz "Ik kom uit Wittenberg." war alles in Butter, denn der Mann war überzeugter Protestant und ich hatte einen Stein im Brett.

Es war ungewöhnlich zeitig, als ich um eins direkt vor der Tür aus dem Auto stieg und Atalia kennen lernte. Ich fühlte mich sehr an mein Treffen mit Adi in Den Haag erinnert, denn auch Atalia kommt aus Tel Aviv und ist Jüdin.
Utrecht kompakt: Blick auf den Dom von der Oude Gracht
Doch eine Anspannung aufgrund dessen, was die deutsche Geschichte nun einmal für immer belasten wird, kam gar nicht erst auf und wir waren uns ohne Worte schnell einig, dass uns die Ereignisse vor über 60 Jahren heute nicht mehr im Wege standen. Stattdessen wollten wir das Kriegsbeil der ewigen Schuldzuweisungen begraben und auf unsere Weise dazu beitragen, dass Geschichte sich nicht wiederholt, indem wir uns freundlich als das gegenüberstanden, was wir alle sind: Menschen, nicht mehr und nicht weniger.

Atalia kümmerte sich wirklich mütterlich um mich, brachte mir Essen, besorgte mir ein Fahrrad und trug Sorge, dass ich nicht vor verschlossenen Türen stehen würde. Denn der Campus ihrer Schule war ungefähr so sicher wie die Area 51 und nichts ging ohne Access-Card.
Blüht auch im Winter: Blumenmarkt an der Oude Gracht
Manchmal war es gar nicht so einfach, sich nicht eingeengt zu fühlen, denn diese Elite-Uni hatte noch mehr Regeln: Alle Studenten müssen auf dem Campus wohnen, müssen ihr Essen in der Dining Hall zu sich nehmen und so weiter... Dieser strikte Charakter schien einigen der besonders "elitären" Leute aufs Gehirn geschlagen zu haben, da sie ihr stinknormales Abendessen vom Plastiktablett im Anzug zu sich nahmen und dabei wahrscheinlich einmal mehr planten, wie sie die Weltherrschaft an sich reißen könnten. Im Großen und Ganzen war die Atmosphäre aber durchaus offen und Atalia machte mich schnell mit ihren Freunden bekannt, die mich allesamt freundlich willkommen hießen.

Obwohl sich die Nationalitätenliste hier gestaltete wie ein Flickenteppich, war es eine Einheimische, auf die ich von Anfang an ein Auge warf.
Ertappt: Hier denkt sich der Osterhase die Verstecke fürs nächste Jahr aus
Jasmijn war definitiv das Reizendste, was ich in den ohnehin schon überaus ansehnlichen Niederlanden gesehen hatte und so wusste ich meine Antwort, als sie mich einlud, sie am Abend auf eine Party zu begleiten. Nachdem ich bei einer kostenlosen Lesung auf dem Campus etwas Wein und Mut getankt hatte, ging es los.

"Luna Lustrum" lautete der zweifelhafte Titel des Abends der den Höhepunkt der Feierlichkeiten zum fünfjährigen Jubiläum der Studentenverbindung "Luna" markierte. Obwohl diese ausschließlich aus Mädchen bestand, schossen Jasmijn und ihre Freundin Iris eindeutig den Vogel ab, denn sie wussten wirklich, wie man feiert und ihr Outfit machte es mir schier unmöglich, meine Augen geradeaus zu halten. Noch dazu schien der Vollmond über uns, als wir die Treppen in den "Poema Club" hinunterstiegen und wenn ich nicht schon längst dazugehören würde, wäre ich nun mit Sicherheit der Rige der Lunatics beigetreten.
Später am Abend: Jasmijn und ich
Ich wusste also, dass ich hier und heute richtig war, genoss den Moment, bis die Musik ausging und lernte schließlich auch eine gewisse "Antje" besser kennen...

Der Freitag begann dementsprechend spät und es gab nur einen Menschen, der es vermochte mich aus dem Bett zu schmeißen. Gegen vier war ich dann so weit und sattelte meinen Drahtesel, um mit Jasmijn und Iris für einige Besorgungen in Richtung Stadt zu fahren. Ich stand gerade im Supermarkt als mein Handy klingelte und alles noch verrückter wurde. Ich hatte keine Idee, warum die Nummer im Display mit "0033" begann, oder wer dahinter steckte und nahm also einfach ab. "Bonjour, ce sont les Trans Musicales de Rennes...", tönte es aus dem Lautsprecher und ich glaube man konnte das Geräusch hören, mit dem mein Kiefer auf den Boden knallte.
Deutsch-jüdische Freundschaft: Atalia und ich
"Yes, ääh, bonjour.", stammelte ich, "Je dois aller outside. It's un bruit in here" Das war eindeutig zu viel für mich. Nach dem letzten Monat redete ich sogar schon mit mir selbst in Englisch und nun sollte ich plötzlich ohne Vorwarnung Französisch sprechen.

Meine Knie zitterten, denn ich wusste was kommt: Die "Trans Musicales" sind ein großes Festival in Rennes in der Bretagne, von dem ich schon vor Beginn meiner Reise durch Zufall erfahren hatte. Eigentlich war es nur der Form halber, als ich den Brief mit der Bewerbung um einen Freiwilligenjob drei Tage nach Einsendeschluss in Amsterdam in den Postkasten warf. Doch ich hatte wieder einmal Glück und man wollte mich haben.
Blick über die Oude Gracht
Nur wie und wann war die Frage, die irgendwo in meinem sprachlichen Eintopf aus französischer Brühe, englischem Gemüse und einem Schuss deutscher Würze umhertrieb. Am Ende des Gespräches hatten ich und der Mann am anderen Ende der Leitung einige Lacher nicht unterdrücken können, meine Zunge glich einem Wollknäuel, mit dem eine junge Katze gespielt hat und ich wusste nur eines: Am 3. Dezember würde ich in Rennes sein.!

Als ich wieder zu Hause war, wurde es noch besser. Emma, meine Brieffreundin aus Lyon hatte mir zugesagt, dass ich Weihnachten bei ihr und ihrer Familie verbringen könnte und ich fühlte mich wunderbar, denn alle meine Probleme hatten sich von einem Tag auf den anderen in Luft aufgelöst. Ich war mir im Klaren darüber gewesen, dass ich spät dran war und etwas streichen müsste um Silvester in Barcelona zu sein.
Die Buurkerk
Das hatte mich vor eine schwierige Frage gestellt, in der ich mich nicht entscheiden konnte, geschweige denn die Energie hatte, es überhaupt zu wollen. Alles hatte einem Strudel aus neuen Gesichtern und Orten geglichen, der mich nicht recht hinuntersaugen wollte, aber auch nicht ausspucken, sondern mich in einer permanenten Schwebe hielt. Nun hatte es einen Ruck getan, ich war entkommen und sah das andere Ufer. Ich sprühte vor Glück, als ich abends mit Atalia zu Musik vom Balkan tanzte bis meine Beine um Gnade flehten und war mir nun über eines sicher: Egal was ich tue, jetzt bin ich auf dem Weg nach Barcelona!

Erkenntnis der Tage: Auch im Mondschein ist es hell.

Held der Tage: Jasmijn, ihr wisst warum
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Später am Abend: Jasmijn und ich
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Blick über die Oude Gracht
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Utrecht
photo by: krysleigh