Verkehrschaos mit versteckten Ecken
Nachdem ich meinen Wecker dreimal um eine halbe Stunde weiter gestellt hatte, stand ich um halb elf endlich auf und kümmerte mich, während die anderen beiden noch mit matschigen Köpfen in dumpfem Schlaf lagen, um mein Früstück und den Abwasch, bevor ich in die Wismarer Altstadt aufbrach. Glücklicherweise kam ich sofort an einer Touristeninformation vorbei, wo man mir bereitwillig einen Stadtplan mit allen Sehenswürdigkeiten aushändigte, nicht ohne mich natürlich auf die vielseitigen Stadtrundfahrtsangebote aufmerksam zu machen. Ich verzichtete dankend und begab mich alleine auf den Weg.
Wismar ist wirklich schön und Teil der europäischen Route der Backsteingotik (siehe Review). Das äußert sich in den vielen gotischen Kirchen und altenen Gebäuden, die häufig in den zahlreich angelegten Sichtachsen der engen Pflasterstraßen auftauchen und der Stadt eine angenehm warme Atmosphäre verleihen.
Leider wurden die drei größten Gotteshäuser kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges stark beschädigt, weshalb von der Marienkirche nur noch der Turm erhalten ist und sich St. Georgen noch im Wiederaufbau befindet. Die Georgenkirche ist trotzdem imposant, da sie so groß ist, dass die Dresdener Frauenkirche vom Volumen her zweimal hinein passen würde. Auch dem Turm der Marienkirche kann man kostenlos aufs Dach steigen und sich um viele geschichtliche Informationen bereichern. Ein Genuss für das Auge hingegen waren die Nikolaikirche sowie die Heiligen-Geist-Kirche mir ihrer grandiosen Holzdecke, wobei der Hafen mich enttäuschte, da er das Flair eines russischen Industriegebietes besitzt und trotzdem von unzähligen Touristen überströmt wird. Doch all diese kleinen Schnitzer kann man dieser niedlichen kleinen Ostseestadt mit ihren wunderschönen hanseatischen Bürgerhäusern einfach nicht übel nehmen und ich muss entschieden sagen, dass mir meine Tour wirklich große Freude bereitet hat.Der einzige Nachteil war, dass ich wieder einmal zu spät war, was schon mehr als geschönt ist, da ich erst um halb sechs an der Straße stand. Es dauerte nicht lange, bis mich ein junge Frau bis zur Autobahnauffahrt mitnahm, wo ich feststellte, dass ich in vollkommener geistiger Umnachtung vergessen haben musste, dass diese aufgrund von Bauarbeiten gesperrt ist. Obwohl ich nicht behaupten konnte, mich sonderlich auf den einige Kilometer langen Rückmarsch mit Rucksack zu freuen, stieg ich trotzdem auf, da ich vor drei Tagen dort den Deckel meines wunderbar multifunktionalen McKinley-Thermobechers verloren hatte. Als der Wagen abfuhr hätte ich mich schon selbst in den Hintern treten können, aber wenigstens lag mein verlorener Ausrüstungsgegenstand noch brav an der gleichen Stelle und ich nahm ihn mit.
Nach einem kurzen und erfolglosen Versuch, noch im Sonnenuntergang über die Bundesstraße zu trampen, begab ich mich dann selbstverständlich hocherfreut auf den Weg zum Bahnhof. Als ich dann endlich in Lübeck ankam, war ich heilfroh, dass Anke, die mir für die nächsten drei Tage eine Heimat geben sollte, nur einen Katzensprung vom Bahnhof entfernt wohnte. Sie nahm mich wirklich herzlich auf und ich konnte mich erst einmal entspannen.Den nächsten Tag widemete ich größtenteils dem chillen, schlief lange aus und hing bis kurz vor fünf in der Wohnung rum. Dann schaffte es das schöne Wetter aber doch noch, mich ein wenig vor die Tür zu locken und ich drehte eine entspannte Runde am Traveufer der Altstadt entlang bevor ich mich am Krähenteich eine halbe Stunde niederließ um zu lesen.
Alles andere reizte mich auch nicht unbedingt, denn schon auf dem Hinweg hatte ich gesehen, dass Lübecks Innenstadt ein einziges Verkehrschaos war und aus allen Nähten platzte. Den Abend ließ ich dann bei Ankes leckerem Essen und einem Gläschen Rotwein ausklingen.Am Dienstag wollte ich mir die Stadt dann doch noch etwas mehr ansehen und verabredete mit Marius, einem Medizinstudenten, den ich auch beim Hospitality Club kennen gelernt hatte, zur Stadtführung. Etwas besseres konnte mir an diesem Tag wohl nicht passieren. Marius wusste einiges über die Geschichte von Lübeck und konnte dazu als Mediziner noch gut Latein, wodurch er mir viele Schriftzüge an Fassaden, Gemälden und Altären schlüssig übersetzen konnte (ich lernte sogar noch etwas dazu).
Wir ließen uns viel Zeit um uns den Dom, die Aegidien- und Marienkirche und das Burgtor anzusehen, bevor Marius mich in das bezauberndste Geheimnis von Lübeck einweihte: Das Gangviertel. In vielen niedlich engen Gässchen liegen dort zwischen viel Grün unzählige kleine Häuschen und ich habe noch nie ein reizenderes Eckchen zum Wohnen gesehen. Als wir am Ende in Marius' Wohnung verspürte ich nicht den Hauch dieses unzufriedenes Gefühls, das ich in Schwerin hatte, und freute mich darauf, der Stadt am nächsten Morgen mit einer schönen Erinnerung aus der Stadt zu verabschieden.Erkenntnis der Tage: Man muss Prioritäten setzen.
Held der Tage: Anke, keine Frage
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