Tagesausflug von Rotterdam

Delft Travel Blog

 › entry 20 of 77 › view all entries
Ein Band, das alles umfasst: Die Oude Kerk bei Nacht
Am Mittwoch hatte ich einen Tagesausflug nach Delft geplant. Die Stadt wurde mir als klein und niedlich ans Herz gelegt. Ich nahm also gegen Mittag den Zug von Roterdam und war eine Viertelstunde später an meinem Ziel. Das erste was ich sah, waren die zwei riesigen Kirchtürme, die über der Stadt thronten wie Bäume überm Grasland.

Delft war typisch iederländisch und wirklich klein. Es kostete mich nur zehn Minuten entlang der typischen kleinen Häuser an den Grachten, bis ich an der Oude Kerk angelangt war. Schon aus der Ferne fiel mir auf, dass hier etwas nicht stimmte. Hatte ich mich in der Richtung geirrt und war in Pisa gelandet? Der Kirchturm ließ das vermuten, denn er schien das Wort senkrecht nicht zu kennen sondern lehnte sich stattdessen trotzig nach vorne und sah dabei alles andere als stabil aus.
Manifest einer Idee: Die Nieuwe Kerk am Markt in der Abendsonne


Ich bewies dennoch Heldenmut, schluckte den Ärger herunter, der immer in mir aufbrandet, wenn Kirchen kommerzialisiert werden und kaufte für drei Euro ein Ticket um ins Innere zu gelangen. Nun fand ich auch heraus, warum der Turm hier versuchte, seinen berühmten italienischen Konurrenten zu übertrumpfen. Er war in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts auf einem verfüllten Kanal errichtet worden, der im Laufe der Zeit immer mehr nachgab und dem Turm den Boden unter den Füßen wegzog. Heutzutage traut man sich außer zu besonderen Anlässen nicht einmal mehr, die neun Tonnen schwere Hauptglocke zu läuten, da ihre Vibrationen schon genug sein könnten, um einem gewaltigen Knall eine noch gewaltigere Staubwolke folgen zu lassen.

Es machte sich etwas Enttäuschung breit als ich das Kirchenschiff betrat, da meine Erwartungen an die monumentale Höhe der gotischen Gotteshäuer, wie ich sie von den Backsteinkirchen im deutschen Norden kannte, leider enttäusch wurden.
Irgendetwas stimmt hier nicht: Die Delfter Oude Kerk könnte durchaus auch in Pisa stehen
Ansonsten war die Kirche aber ganz nach meinem Geschmack: Sie gehörte zu einer protestantischen Gemeinde und erschlug mich deshalb nicht mit Massen an Gold, Gemälden und Verzierungen. Stattdessen war sie von schlichten Säulen durchzogen, die die gewaltige  dunkle Holzdecke trugen und ein wunderbares Spiel von Farben, Licht und Schatten erzuegten. Denn von draußen fiel Sonne durch die schönen Buntglasfenster, die von Wilhelm dem Stillen über diverse Bibelszenen bis hin zur Feier der Befreiung von der deutschen Tyrannei einen interessanten Einblick in Geschichte und Kultur gaben. Dieser wurde von mehreren Mausoleen angesehener Delfter Bürger, darunter der berühmte Maler Johannes Vermeer, ergänzt, die von fein gearbeiteten Skulpturen der Verstorbenen geziert waren und deren Grabstelle markierten.
Dimensionen sind relativ: Der Turm der Nieuwe Kerk und die Marie-van-Jesse-Kerk
Es war ein seltsames Gefühl, zu diesem Zeitpunkt vor den Gräbern von Menschen zu stehen, die Jahrhunderte vor mir ihre Gottesdienste an eben dieser Stelle abgehalten hatten. Alles ist vergänglich und so waren auch sie vergangen. Und doch würde man sich ihrer noch in hundert Jahren erinnern, vor ihren Gräbern stehen und anhand der Skulpturen noch genau erkennen können, wie sie ausgesehen haben. Sie waren also unsterblich, weil sie etwas Großes vollbracht hatten. Aber was ist das, etwas Großes? Reicht es nicht schon, viele kleine Taten zu vollbringen, um am Ende etwas Großes geschafft zu haben und brauch man ein Mausoleum in einer Kirche, um unsterblich zu werden, oder ist es nicht genug, sein Mahnmal in den Errinerungen der Menschen, denen man begegnet zu errichten? Und würde die Kirche sich nicht auch noch in einhundert Jahren an mich erinnern, wie ich hier voller Bewunderung stand?

Das gab mir genügend Stoff zum Nachdenken, während ich in Richtung der Nieuwe Kerk marschierte, zu der ich mir den Zugang mit meinen 3 Euro ebenfalls erkauft hatte.
Alt und klein: Blick auf den Markt und die Marie-van-Jesse-Kerk
auch in ihren Anblick hatte ich mich schon verliebt, als ich noch einige Minuten entfernt war. Die holländischen Kirchen sind allesamt fanszinierend. Durch reichhaltige Verzierungen, viele Nebentürmchen und schmale, nach der Höhe strebende gotische Bögen wirken ihre Türme wie gigantische und doch filigrane Auswucherungen des Kirchenbaus, die wie Nadeln in den Himmel stechen, als wäre er ein großer blauer Luftballon. Dabei verströmen sie durchweg etwas Dunkles, Mystisches und scheinen wie riesige Pfosten, an denen die Zeit vor Ewigkeiten festgemacht hat.

Der Turm der Nieuwe Kerk wird in Holland nur von dem des Utrechter Domes übertroffen und auch im Inneren bot die Kirche ein imposantes Bild. Das Fenster an der Westseite glühte schillernd bunt im Licht der Abendsonne und wiederumzog sich massives, dunkles Holz an der Decke entlang, bis die Mauern im Chor so hoch aufstiegen, dass es mir vorkam, als gäbe es an dieser Stelle es keine Decke mehr sondern nur einen ewig nach oben wachsenden Raum, der in vollkommener Dunkelheit endet.
Champion und Stargast des Tages: Nuna4, das siegreiche Solarauto der Technischen Universität Delft.
Das entspringt der Geschichte dieser Basilika, die hier am Marktplatz um eine ursprängliche Holzkirche herumgebaut wurde. Deren Entstehung geht auf eine interessante Legende zurück: Im Januar 1351 fiel auf dem Delfter Marktplatz ein Bettler auf die Knie, weil er am Himmel ein Licht sah. Ein wohlhabender Bürger der Stadt gab ihm Brot und wurde auch auf die Erscheinung aufmerksam. Fortan hatte dieser jedes Jahr wieder die gleiche Vision, die erst verschwand, als die Kirche auf sein Drängen hin gebaut und fertiggestellt wurde. Ich fragte mich, wie viel davon wohl wahr und wie viel Erfindung ist. Doch spielt das überhaupt eine Rolle? Muss immer alles eindeutig belegt und nachvollziehbar sein, um als Wahrheit zu gelten? Oder sind es nicht vielmehr Inhalt und Aussgae einer solchen Erzählung die wichtig und allzeit wahr sind? Der Bürger war offen und hilfsbereit und hat dadurch ein Zeichen erhalten, dass ihn in die Geschichte eingehen ließ.
Einmal mehr die Oude Kerk...
Ich denke, diese Tatsache besitzt immer Gültigkeit, auch wenn man sie in keinem Archiv der Welt so niedergeschrieben finden wird.

Obgleich es also einem Bettler zuzuschreiben ist, dass diese Kirche heute existiert, genießt sie durchaus exklusives Ansehen. Seitdem Hollands erster Führer, Wilhelm der Stille, im Jahre 1584 im Delfter Prinsenhof ermordet und anschließend in der Nieuwe Kerk beigesetzt wurde, beherbergt ihre Krypta die Überreste aller gekrönten Häupter der Niederlande. Das prunkvolle Mausoleum Wilhelm des Stillen erinnert noch heute an den Beginn dieser Tradition und schwere Steinplatte lassen den Eingang zur Begräbnisstätte erkennen. Wieder kam in mir dieses Bewusstsein hoch, dass auch ein König seinen letzten Atemzug nicht abwenden kann, als ich aus der Kirche auf den Marktplatz ging.
... und die Nieuwe Kerk aus anderer Perspektive


Dort wurde ich mit Pauken und Trompeten empfangen. Nun, in Wirklichkeit war nicht ich es, zu dessen Ehren vor dem Rathaus eine große Bühne aufgebaut war, vor der sich hunderte Menschen drängten. Der Star des Tages hieß Nuna, Nuna 4 um genau zu sein und war ein Auto, wenn auch ein ungewöhnliches. Es handelte sich hierbei um ein Solarauto der Technischen Universität Delft, das ein heiß umkömpftes Rennen in Australien gewonnen hatte und nun feierlich in der Heimat empfangen wurde. Während alle um mich herum Bauklötze staunten und sich um das Vehikel drängten, ließ ich es ruhiger angehen, risikierte einige Blicke aus der Entfernung und freute mich am meisten an meiner Schokomilch, die am Stand nebenan kostenlos verteilt wurde.

Die hat mir so gut geschmeckt, dass ich danach in einem nahegelegenen Café gleich noch eine trinken ging und die Gedanken des Tages Revue passieren ließ.
Am Grab der Könige: Innenansicht der Nieuwe Kerk mit dem Mausoleum Wilhelm des Stillen und dem Eingang zur königlichen Krypta
Auf dem Rückweg zum Bahnhof machte ich noch einmal einen kleinen, angesichts der Dimensionen von Delft nicht wirklich schwerwiegenden Umweg an der Oude Kerk vorbei. Als ich zur Kirche kam, vernahm ich leise Orgelklänge die mich auf der Stelle in ihren Bann zogen. Ich ging näher heran und schaute zu den hohen Fenster, durch die sanftes Licht schimmerte. Obwohl es nur ein Hauch von Musik war, der wie ein nächtliches Flüstern nach draußen drang, schien es mir in diesem Moment die schönste Musik der Welt zu sein. Denn ich war in dieser Stadt, vor dieser wunderbaren Kirche und lauschte wie ein Kind am Weihnachtsabend, wenn die Eltern die Geschenke einpacken. Die Zeit löste sich auf und ich war ewig eins mit allem um mich herum und spürte das Band, das meinem Herzen entsprang, sich an der Gracht, den Bäumen und Häusern entlangschmiegte, um dann zur Spitze des Kirchturmes aufzusteigen, sich darumzulegen und schließlich in die Weite des nächtlichen Himmels zu entschwinden.
Nichts geht mehr oder Highway to Heaven.


Erkenntnis des Tages: Geschichte geht, Momente bleiben

Held des Tages (in Abwesenheit): Jaap, mein Doppelgänger


Join TravBuddy to leave comments, meet new friends and share travel tips!
Ein Band, das alles umfasst: Die O…
Ein Band, das alles umfasst: Die …
Manifest einer Idee: Die Nieuwe Ke…
Manifest einer Idee: Die Nieuwe K…
Irgendetwas stimmt hier nicht: Die…
Irgendetwas stimmt hier nicht: Di…
Dimensionen sind relativ: Der Turm…
Dimensionen sind relativ: Der Tur…
Alt und klein: Blick auf den Markt…
Alt und klein: Blick auf den Mark…
Champion und Stargast des Tages: N…
Champion und Stargast des Tages: …
Einmal mehr die Oude Kerk...
Einmal mehr die Oude Kerk...
... und die Nieuwe Kerk aus andere…
... und die Nieuwe Kerk aus ander…
Am Grab der Könige: Innenansicht …
Am Grab der Könige: Innenansicht…
Nichts geht mehr oder Highway to H…
Nichts geht mehr oder Highway to …
Schillernd bunt: Innenansicht der …
Schillernd bunt: Innenansicht der…
Die Oude Kerk vom Prinsenhof
Die Oude Kerk vom Prinsenhof
Delft
photo by: JP-NED