Ich bin entjungfert!

Wittenberge Travel Blog

 › entry 7 of 77 › view all entries
Die gut gelaunte Sarah und ich im Wittenberger "Holzwurm". Ihr lächeln schein fast festgewachsen und lässt einfach keine schlechten Gedanken zu.

...CouchSurfing-entjungfert meine ich natürlich. Denn heute begann eine neue Etappe. Bis jetzt hatte ich überall nur Freunde besucht und mich verabschiedet, aber nun sollte ich erstmals bei einem völlig fremden Menschen übernachten. Ich kann nur stolz behaupten, dass mein erstes Mal echt klasse war.

Nachdem mein Körper den Alkohol, mit dem mein Blut vom Montagabend noch geschwängert war, soweit abgebaut hatte, dass die komatösen Effekte langsam nachließen, wachte ich schockiert um 12 Uhr mittags auf. Eigentlich hatte ich mich ja am Vorabend felsenfest entschlossen spätestens um neun aus dem Bett zu stolpern um genug Zeit zu haben, meinen Weg nach Wittenberge zurückzulegen. Doch die Uhr muss eine Abkürzung genommen haben, denn sie war wieder einmal schneller als ich. "Was du kannst, kann ich schon lange!", dachte ich trotzig und ließ mir bewusst Zeit, bis ich um kurz vor drei mit Hannes zur U-Bahn-Station aufbrach. Meine Tabaksorgen, die mich angesichts der immer leerer werdenden Packung langsam aber sicher wieder beschlichen, lösten sich von Neuem in Luft auf, denn Hannes spendierte mir zum Abschied noch eine neues Päckchen, da er sich sicher war, dass ich das bestimmt gebrauchen könnte.

Mein Herz war schwer als ich meinen Weg aus Berlin heraus nahm, da ich diese Stadt einfach liebe. Doch auch sie schien mich wirklich zu mögen und wollte mich garnicht wieder gehen lassen. Als ich nach geschlagenen zweieinhalb Stunden endlich draußen war, dachte ich ernsthaft über eine Beziehungspause nach...

Um ehrlich zu sein, ist das noch beschönigt. Ich war stinksauer, als ich nach drei Stunden, das heißt schon kurz vor sechs, sagenhafte 30 Kilometer zurückgelget hatte und in Nauen saß. Es machte meine Stimmung nicht gerade besser, dass Nauen die beschissenste Stadt ist, die sich ein Tramper nur vorstellen kann. Ich stand an einer Stelle, wo auch in den nächsten zehn Jahren keine Menschenseele in meine Richtung fahren wird und begab mich voller Enthusiasmus auf den gut fünf Kilometer weiten Marsch zum anderen Ende der Stadt. Als ich schon anfing, vor Wut aus den Nasenlöchern zu dampfen und ich merkte, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis ich Feuer spucke, beschloss ich mein Glück an einer Tankstellen im Ort zu versuchen, was natürlich ebenso nach hinten losging wie alles an diesem Tag. Es wurde mal wieder dunkel und ich hatte die Schnauze gelinde gesagt gestrichen voll. Als ob ich an diesem Tag nicht schon genug gelaufen wäre, war der Bahnhof natürlich auch noch gute zwanzig Minuten entfernt und als ich dort ankam, stellte ich mit hochrotem Kopf fest, dass der absolut fabelhafte Verkehrsverbund Berlin Brandenburg meine BahnCard 50 nicht akzeptiert und satte 11,50 € für die Fahrt nach Wittenberge haben wollte. Doch mir blieb nichts anderes übrig als diesen Zug zu nehmen, wenn ich diese Nacht nicht die Nauener Brücken von unten kennenlernen wollte. Da das kleine Teufelchen, das mich gestern geärgert hat, natürlich keine halben Sachen macht, hatte der Zug dann auch noch gute 10 Minuten Verspätung und ich kann nicht in Worte fassen wie wütend und trotzig ich war, als ich in Wittenberge ankam.

Doch dann stand da Sarah! Ihr Lächeln, mit dem sie mich am Bahnhof empfing, ließ all meinen Ärger im Handumdrehen verfliegen. Ich hätte sie dafür küssen mögen, dass sie sogar ein Fahrrad dabei hatte, auf dem ich meinen Rucksack bis zu der Wohnung, die sie im Moment noch mit ihrem Vater bewohnt, befördern konnte. Selbst dass diese im obersten Stockwerk liegt konnte mich dann nicht mehr stören und ich war wieder vollends gut gelaunt, als ich erst einmal ein leckeres Abendessen bekam. Danach brach ich mit Sarah in die Stadt auf, die mit den vielen alten, verfallenen Häusern im Dunkeln noch gruseliger aussieht und durchaus für einen Film über den zweiten Weltkrieg herhalten könnte. Doch als wir dann an der Elbe ankamen, fühlte ich mich irgendwie wieder zu Hause, was wohl nicht nur am Namen der Stadt und dem Elberadweg lag. Vorbei an der wunderschön verträumten Kirche, dem Hafen und einem Restaurant, das mit Kreationen wie Orangeneis in Senfsauce mittlerweile bundesweiten Ruf erlangt hat, landeten wir schließlich im "Holzwurm". Wir ließen uns natürlich nicht zweimal sagen, dass an diesem Abend dort Bierabend war und bestellten umgehend ein Dunkles, während wir anfingen uns munter über Gott und die Welt zu unterhalten. Sarah erzählte von den Erfahrungen, die sie während ihrer Südamerikareise gesammelt hatte, was mir Lust auf mehr machte und auch meine Pläne inspirierten sie so, dass sie am liebsten gleich mitgekommen wäre. Das Gespräch, in dem sie mich durchaus immer wieder verblüffte, war einfach fabelhaft. Wir lachten viel und so war, als die Kellnerin schließlich den Feierabend verkündete, aus dem geplanten einen Bier plötzlich drei geworden. Auf dem Heimweg, war ich froh, dass dieses "erste Mal" so gut verlaufen war und fühlte mich immer mehr heimisch, obwohl ich wusste, dass ich am nächsten Morgen weiterreisen würde.

Erkenntnis des Tages: Home is, where my pack is.

Held des Tages: Sarah, die mich mit ihrem Lächeln wieder fröhlich gemacht hat

Join TravBuddy to leave comments, meet new friends and share travel tips!
Die gut gelaunte Sarah und ich im …
Die gut gelaunte Sarah und ich im…
Wittenberge
photo by: horsebadorties