Ein verrückter Tag

Erfurt Travel Blog

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Ede und Isabell, zwei Zimmerfrauen auf dem Weg in meine Heimat. Die Welt ist halt ein Dorf.

Liebe Leute,

das war ein besonderer Tag. Nicht etwa wegen Einigkeit und Recht und Freiheit und so, sondern weil mir die merkwürdigsten und zugleich schönsten Erlebnisse meiner bisherigen Reise passiert sind.

Nach einem weiteren sehr entspannten "Mittagstück" in der Bayreuther Zeppelinstraße stand für mich erst einmal Frühsport an, der daraus bestand, die knappen drei Kilometer bis zur Auffahrt Bayreuth Süd zurückzulegen. Und das sollte nach Möglichkeit schnell passieren, da ich mal wieder zu spät dran war. Dort angekommen, musste ich mich erst einmal aklimatisieren und durchschnaufen, denn als ob der Weg nicht schon lang genug gewesen wäre, war er auch noch mit einigen Steigungen versehen, bei denen ich deutlich zu spüren bekam, dass ich mit Rucksack plötzlich eineinhalb mal so schwer bin wie normal.

Wie bei Omma: Anne beim leckeren Abendessen im Erfurter "Steinhaus"
Gott sei Dank gaben mir die immer "freundlicher" vorbeirasenden Autofahrer auch genug Zeit mich zu entspannen.

Als es dann schon fast halb vier war, näherte sich ein VW in unübersehbarer leuchtorangener Signalfarbe (im Rückblick gaube ich, es sollte ein Zeichen sein) und hielt an. Ich war enttäuscht, als er sagte, dass er mich nur bis Bayreuth Nord, also ganze 5 Kilometer mitnehmen könne und wollte ihn schon fast ziehen lassen, aber irgendetwas sagte mir, dass dieser Mann in seinem gründlich zugemüllten Wagen mit überquellendem Aschenbecher mir helfen würde. Also stieg ich ein und unterwarf mich erst einmal dem Rauchzwang im VW des 55jährigen Hobbyfliegers. Dann fing er an zu erzählen: Mit 20 war er schwer drogensüchtig, nahm Opiate und hatte sich schon fast zugrunde gerichtet. Mit Verlaub: Das sieht man ihm heute noch an. Doch dann habe er gemerkt, dass es das nicht sein kann, wofür er auf diesen Planeten gekommen ist, und fing an die heilige Schrift auf der Suche nach seinem Sinn des Lebens zu studieren. Ob er den Sinn gefunden habe, fragte ich ihn und er antwortete "Ja. Und du wirst ihn auch finden." Obwohl er irgendwie einen verwirrten Eindruck machte, war ich froh, als wir von der Autobahn abfuhren und er mir anbot, das Gespräch auf einem Parkplatz bei einer weiteren Zigarette fortzusetzen. Ich kann den Inhalt nicht mehr genau wiedergeben, aber irgendwie umgab diesen Mann eine ganz besondere Aura von Offenheit, Herzlichkeit und Ruhe, die mir Kraft gab und mich glücklich machte. Während der Unterhaltung musste ich unweigerlich an den König aus Paulo Coelhos "Der Alchimist" denken, der Santiago die beiden Steine gibt und ihm den ersten entscheidenden Wegweiser aufzeigt. Ich weiß nicht warum, aber nachdem ich ausgestiegen war und wir uns dreimal verabschiedet und alles Gute gewünscht hatten, spürte ich das Gefühl einen ganz besonderen Menschen getroffen zu haben und war mir sicher, dass es gut war, mit ihm mitzufahren.

Diese Ahnung sollte sich auch bald bestätigen. An dieser Auffahrt fuhren bedeutend mehr Autos entlang und schon beim Abfahren von der Autobahn sah ich dort einen anderen Tramper stehen. Martin hieß der Gute und wollte vom Geographentag in Bayreuth zurück nach Greifswald. Und wir hatten wieder Glück: Denn obwohl der Geograph schon über eine Stunde erfolglos dort gestanden hatte, dauerte es dann keine 15 Minuten mehr, bis Harald aus Oschatz anhielt und uns beide mitnahm. Zwar fuhr er nicht, wie ich eigentlich geplant hatte, Richtung Hermsdorfer Kreuz (mein Tor zur A4 Richtung Erfurt), sondern nach Dresden, doch führte sein Weg bei Chemnitz auch auf die A4 und er setzte mich an einem Rastplatz ab. Diese 150 Kilometer Umweg nahm ich gerne in Kauf, denn nun war ich wenigstens schon einmal an der richtigen Autobahn.

Aber dummerweise befand ich mich auf der falschen Seite und sah mich, als ich Richtung Tankstelle ging um nach einer Überquerungsmöglichkeit zu fragen, schon in einem lebensmüden Sprint über die Autobahn hechten. Doch das Glück war mir von Neuem hold und eine Stimme hinter mir fragte: "Sollen wir dich hinüber bringen?" Ich war erstaunt als ich mich umdrehte und eine junge Frau in Zimmermannskleidung erblickte. Ich hatte noch nie WandergeselINNEN gesehen und nun traf ich sie gleich im Doppelpack, denn Ede hatte noch ihre Freundin Isabell im Schlepptau. Die beiden waren verbotenerweise mit einem Mietauto von ihrer Baustelle in Bordeaux hierher gefahren, um einen Altgesellen von der Walz zu verabschieden. Auf dem Weg hatten sie schon alle Rastplätze auf der Suche nach Trampern abgeklappert und waren überglücklich nun endlich jemanden gefunden zu haben, dem sie helfen konnten. Dann kam der Knaller: Als ich Ihnen erzählte, woher ich komme, platzten sie fast vor Lachen und sagten: "Das gibt's ja nicht. Wir fahren morgen auch nach Jessen." Ich war baff und freute mich riesig über diesen Zufall.

Auf der anderen Seite ging das Glück gleich weiter: "Schau mal, da ist jemand nettes, der nimmt dich bestimmt mit.", sagte Isabell, als wir auf den Rastplatz fahren. Ich vertraute ihr und ging zu dem jungen Mann, der sich auch sofort bereit erklärte mich bis nach Erfurt mitzunehmen. Perfekt! Nachdem ich die ersten beiden Zimmerfrauen, die mir je vor die Augen gekommen waren, noch auf einem Foto fetstgehalten hatte, stieg ich erneut ins Auto und es folgte die nächste Seltsamkeit. Matthias hieß der 21jährige, wie mein alter Herr, und war, ebenfalls wie mein Vater, Dreher. "Heut muss dein Glückstag sein.", dachte ich mir und war, durch eine rege Unterhaltung abgelenkt, im Handumdrehen in Erfurt.

Die letzten Kilometer von der Abfahrt bis zu Annes Wohnung, meinem heutigen Ziel, sollten sich jedoch vorerst schwierig gestalten. Denn es wurde langsam dunkel und ich stand mitten an der B4, wo weit und breit keine Laterne zu sehen war. Glücklicherweise hielt ein gesetzter Mittfünfziger in einem schwarzen 5er BMW (man höre und staune: auch BMW-Fahrer nehmen Tramper mit) neben mir an und war sogar so freundlich, mich direkt bis vor Annes Haustür zu fahren. Ich bedankte mich tausendfach und war einfach nur glücklich, heute so gut vorwärts gekommen zu sein.

Doch mein Magen, war alles andere als zufrieden, weshalb Anne und ich, nachdem ich mich im Bad wieder in ein menschliches Wesen verwandelt hatte, erst einmal zünftig und überaus günstig essen gingen und viel erzählten. Als wir dann den Abend in Annes Wohnung bei einer Flasche mehr oder minder leckeren Rotweins ausklingen ließen, beschlich mich mehr und mehr der Gedanke, dass es der Hobbyflieger von heute morgen war, dem ich das alles zu verdanken hatte. Denn hätte er mich nicht diese eine Abfahrt mitgenommen, wäre wahrscheinlich alles anders gekommen und ich hätte nie diese wunderbaren Zufälle erlebt, sondern wäre vielleicht irgendwo im Nirgendwo hängen geblieben. Doch glücklicherweise war es eben nicht so, und ich konnte beruhigt und in Erinnerung an diesen schönen Tag einschlafen.

Erkenntnis des Tages: Ich habe einen König getroffen.

Held des Tages: Der Hobbyflieger im leuchtend orangenen VW

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photo by: missandrea81