Deutschland adé
Nun hieß es bald: Abschied nehmen von der Heimat. Am Samstag sollte es nach Bremen gehen, was meine letzte Station vor den Niederlanden war. Am frühen Nachmittag wachte ich, immer noch etwas weingeschädigt, in der 40-köpfigen WG auf und viel natürlich sofort wieder der "Couch mit den Krallen" zum Opfer, die mich bis halb fünf nicht wieder loslassen wollte. Dann schaffte ich es doch, sie endlich zu besiegen und radelte noch schnell zum Bahnhof um einige Postkarten zu besorgen. Das war nicht die beste Entscheidung, denn dort war die Hölle los, da zu dem üblichen Hamburger Chaos noch gute 1500 Teilnehmer 3 unterschiedlicher Demonstartionen die komplette Umgebung verstopften. Ich konnte mich trotzdem durchschlagen und zwei Karten ergattern bevor ich schleunigst wieder zurückfuhr.
Denn in der WG wartete schon Lena auf mich, die zu ihrer Schwester wollte und mir anbot mich zum nächsten Rastplatz an der A1 mitzunehmen. "Perfekt! Hier bist du in einer halben Stunde weg.", dachte ich als wir abfuhren und ich mich von Lena verabschiedete. Doch diese Annahme sollte sich als gründlich falsch erweisen, denn die wenigen Leute, die die Tankstelle an diesem Tag frequentierten, waren reiche Hamburger, denen ihre dicken Schlitten viel zu schade waren, um jemanden darin mitzunehmen. Es dauerte zwei Stunden und ich war müde geworden, die Fahrer dieser Oberklassewagen anzusprechen, als wiederum ein großer Mercedes an die Tanksäule fuhr. Als der Fahrer zum Bezahlen an mir vorbeiging, lächelte er mich an, aber ich blieb stumm. Doch auf dem Rückweg grinste er wieder und ich rannte ihm hinterher um zu fragen.
Er schien nur darauf gewartet zu haben und lud mich sofort in sein Auto. Der ältere Herr aus dem Rheinland sparch zwar, als ob man ihm gerade in seine empfindlichste Stelle getreten habe und war wohl ein bisschen verrückt, aber übraus freundlich. Schon oft hatte er Tramper mitgenommen und berichtete mir von seinen Erfahrungen, während er mich trotz des Umweges direkt an mein Ziel in Bremen fuhr.Dort schlug ich dann gegen halb neun bei Alexander und seinen Mitbewohnern Anna, Katharina, Dave und Bastian auf, die sich zu fünft eine riesige Wohnung teilen, mit einem Flur, in dem man sich verlaufen kann. Ich schrieb ein paar Postkarten bevor mich Alexander mit auf eine kleine Kneipentour durch sein Viertel nahm und meinen Eindruck, das Bremen keine Weggehkultur habe, widerlegte.
Am nächsten Morgen war ausnahmsweise mal wieder zeitiges Aufstehen angesagt, denn wir wollten auf den Flohmarkt und anschließend eine kleine Sightseeing-Tour starten. Dummerweise haben wir in vollkommener geistiger Umnachtung nicht bemerkt, dass die Zeit in der Nacht eine Stunde zurückgestellt worden war und hatten somit noch genug Zeit für ein ausgedehntes Frühstück in einer Kneipe um die Ecke. Als wir uns dieses einverleibt hatten, nahmen wir die Bahn zum Weser-Wehr und zogen aus, den Flohmarkt zu plündern.
Alexander kaufte neben einem Fahrrad noch einiges anderes ein, aber bei mir schlug der Plan grundlegend fehl, da ich nichts bestimmtes suchte und der größtenteils angebotene Ramsch mich nicht unbedingt zu wilden Kaufexzessen verleiten wollte.Dennnoch liefen wir etwa eine Stunde lang durch die Ständereihen und schauten uns dies und das an, bevor wir in die Innenstadt aufbrachen. In Bremen war Freimarkt, weshalb unter anderem der komplette Marktplatz mit Karussellen und Imbissständen voll war, wodurch leider auch jedes vernünftige Foto unmöglich wurde. Um mich gegen den wohlriechenden Duft der Fressbuden zu immunisieren, ging ich als erstes in den Bleikeller, ein altes Domgewölbe, wo neben etlichen historischen Stücken auch sieben mumifizierte Leichen ausgestellt sind.
Das war interessant und seltsam zugleich, denn jede von ihnen hatte einen anderen Ausdruck und man meine fast, sie irgendwie zu kennen, wenn man sie dort so unterm Glas ihres Sarges liegen sah. Ich ließ mir Zeit um alles zu studieren und mir kleine Geschichten zu den Toten zusammenzuspinnen, bevor ich den Keller am Bremer Roland vorbei in Richtung Dom verließ.Dieser ist einen Besuch absolut wert. Zum Einen kann man für einen Euro auf seinen Turm steigen, was wohl einen netten Ausblick über Bremen bescheren dürfte. Der gotische Innenraum ist allerdings viel interessanter, da er dank verschiedenster Ornamentik, wunderbaren Buntglasfenstern und etlichen Seitenkapellen einen reichhaltigen, fast schon etwas überladenen Anblick bietet.
Auch das angrenzende Dommuseum ist zwar sehr detailliert aber durchaus interesant und bietet für kostenlosen Eintritt viele Informationen zur Geschichte des Domes und der Kirche in Bremen allgemein.Direkt neben dem Dom sorgte ich dafür, dass ich auch weiterhin soviel Glück habe, indem ich kräftig beide Beine des Esels am Denkmal der Bremer Stadtmusikanten umfasste, bevor eine noch schönere Ecke folgte: Die Böttcherstraße. In dieser engen Straße die links und rechts von alten, hohen Backsteinbauten gesäumt ist, sind viele Kunsthandwerksbetriebe ansässig und mit etwas Glück kann man den Handwerkern durch eines der Schaufenster sogar bei ihrer Arbeit zusehen. Wir amüsierten uns über Touristen, die das wunderbare Glockenspiel fotografierten, nur weil es spielte, ließen uns am dortigen "Sieben-Faulen-Brunnen" spontan nieder und statteten in einem Hinterhof der meistbegrabbeltsten Frau Bremens einen Besuch ab (siehe Foto).
Nachdem Alexander schon aufgebrochen war, um das Abendessen zu kochen, erkundete ich dann noch auf eigene Faust da Gangviertel, was mir schon in Lübeck großartig gefallen hatte. Allerdings musste ich enttäuscht feststellen, dass es hier längst nicht so liebreizend war wie dort, da es eigentlich nur aus einer Straße bestand, die viel breiter war und von riesigen Toruistenströmen niedergewalzt wurde, was sich an unzähligen Souvenirgeschäften bemerkbar machte. Als ich mich dann letztendlich auch noch verlief und viel zu spät zum Essen kam, war ich mir sicher, dass man sich ein solches Viertel definitiv lieber in Lübeck anschauen sollte.
Nach dem Abendessen tankte ich dann etwas Schlaf und Alexander und ich ließen uns französischen Käse mit einer Flasche Rotwein schmecken, bevor wir auch mit den anderen noch eine ganze Weile lang zusammensaßen und uns in lustiger Stimmung unterhielten, bis wir den Abend mit selbstgemachtem Caipirinha beendeten.
Über den nächsten und letzten Tag gibt es leider nicht sonderlich viel zu berichten, da es regnete und ich in der Wohnung blieb und die Zeit nutzte um meinen Blog mal wieder auf Vordermann zu bringen und mich darum zu kümmern, dass ich in den nächsten Tagen nicht unter irgendwelchen Brücken schlafen muss. Das einzig Erwähnenswerte war das Abendessen, das Alexander und ich beim Einkaufen spontan zu einem Drei-Gänge-Menü audehnten und das allen wirklich mundete. Auch ich war satt und zufrieden und dachte darüber nach, was mich wohl außerhalb Deutschlands erwarten würde und wann ich das nächste mal ein solche Essen hätte. "Hoffentlich bald!", dachte ich als ich noch einmal alle bisherigen Bilder in meinem Kopf Revue passieren ließ und langsam begann, mich von Deutschland zu verabschieden.
Erkenntnis der Tage: Trau dich und gib nicht so schnell auf! Die Leute kommen auf dich zu!
Held der Tage: Der Rheinländer, der mir eine zweit Chance gab









