Crazy Kiel

Kiel Travel Blog

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Blick von der Hafenpromenade über den Kieler Hafen
Nun war Kiel an der Reihe. Doch erst einmal musste ich hinkommen. Nach einem letzten Abstecher in die Lübecker Innenstadt, platzierte ich mich direkt vor Ankes Haustür, da dort eine Ausfallstraße nach Kiel verlief und mich bestimmt jemand mitnehmen würde. Das dachte ich zumindest. Nachdem ich mir volle anderthalb Stunden die Beine in den Bauch gestanden hatte, gab mir der Fahrer eines Pizzaservices den Tipp, besser Bad Segeberg auf mein Schild zu schreiben. Ich folgte dem Rat, stand aber trotzdem erst einmal weiter dumm in der Gegend rum, bis mich dann der Fahrer eines Lieferwagens ansprach, der das Wort Optimismus höchstwahrscheinlich noch nie gehört hat.
Gastfamilie Nummer 2: Fritz, David, Julia und Vera
Als wäre es nicht genug, dass er direkt vor meiner Nase auf der Straße parkte und mir somit für knappe zwanzig Minuten jede Möglichkeit nahm, auch nur von irgendjemanden mitgenommen zu werden, versuchte er auch noch überzeugt, mir einzureden, dass das so alles garnicht funktionieren könne und ich noch mindestens zehn Millionen Kilometer aus der Stadt rauslaufen müsste und am besten doch gleich mit dem Zug fahren sollte. "Ich wette mit dir, dass du in sechs Stunden immer noch hier stehst!", sagte er großschnauzig als ich meinen Posten tapfer verteidigte und schaffte es damit schon fast, mich zu verunsichern.
Glücklicherweise hörte ich nicht auf diesen Miesmacher, denn nachdem er weg war, dauerte es keine  zehn Minuten und ein kleiner Ford mit zwei Endfünfzigerinnen hielt an, um mich nach Bad Segeberg mitzunehmen.
Einfach riesig: Die Schwedenfähren der Stena-Line im Kieler Hafen
Leider war die Fahrerin davon überzeugt, dass der Standstreifen einer zweispurigen Bundesstraße, auf der die Autos mindestens 80 Sachen fahren, doch der perfekte Ort zum trampen sei und setzte mich dort ab. Von der Autobahn, die mich nach Kiel bringen sollte war weit und breit noch keine Spur und so hielt ich verzweifelt den Daumen raus, um kurz darauf bei einem Leidensgenossen einzusteigen, der auch 2007 sein Abitur gemacht hatte und schmunzelte, als er mich sage und schreibe einen Kilometer weiter an der Auffahrt zur A21 absetzte. Da müssen die Tomaten auf meinen Augen wohl ganz dick gewesen sein.
Anscheinend hatten die Menschen an diesem Tag keine besondere Lust auf Wohltätigkeit, denn auch an dieser Stelle wurden meine Beine von Minute zu Minute kürzer.
So kennt man sie, die Julia
Wie es das Schicksal will, war natürlich auch nirgendwo ein Unterstand vorhanden, der mich hätte schützen können, als nach einer guten halben Stunde ein feiner aber beständiger Landregen einsetzte. Ich stand zum ersten Mal während dieser Reise im Regen und es tropfte und tropfte und tropfte und niemand hielt an. Ein junger Mann mit Glatze winkte "freundlich", um auf meiner Höhe das Gaspedal durchzudrücken und loszupreschen. Ob dieser Schadenfreude und des immer stärker werdenden Regens fiel es selbst mir sonnigem und ruhigem Gemüt schwer in diesem Momentnicht agressiv zu werden.
Doch als mein Schild dann schon fast mehr aus Wasser als aus Papier und Farbe bestand und ich am liebsten "Scheiße!" geschrien hätte, hielt endlich jemand an. Der gute Herr war Ende Dreißig und Architekt, wodurch ich mich langsam verfolgt fühlte.
Was das Tucholsky kann, können Julia und ich schon lange: Tequilla-Angriff im Studentenwohnheim
Wir unterhielten uns ganz angeregt, denn er hatte nach dem Abitur selbst eine große Reise durch Europa unternommen und konnte mir einige Tipps geben, bevor er mich netterweise und mit Rücksicht auf meine ohnehin schon nassen Sachen noch bis vor die Haustür brachte.
Dort klingelte ich dann bei Hauke. Er ist zwanzig Jahre jung und Erstsemester-Sportstudent, genau wie Julia Schneider aus meinem ehemaligen Abiturkurs, die er bereits kennen gelernt hatte. Mit ihm hatte ich wirklich einen guten Fang gemacht, denn er umsorgte mich von vorne bis hinten und ließ es sich nach zwei warmen Mahlzeiten nicht nehmen, mich auch noch auf ein Bier einzuladen. Solche Großzügigkeit ließ mich mir schon fast schäbig vorkommen und ich konnte meine Dankbarkeit schwer ausdrücken, als wir uns am nächsten Tag verabschiedeten.
Nack, Nack: Der Schreventeich voller Enten und Gänse
Wir verstanden uns super und ich wäre gerne noch länger geblieben.
Doch er musste weg - eine Karte für das Konzert von Manu Chao in Hamburg war ein nicht zu übertreffendes Argument - und ich musste umziehen. So drehte ich eine ausgiebige Runde durch die Innenstadt und am Hafen entlang, bevor ich feststellen musste, dass mich wohl schon eine besondere Tramperaura umgibt. Als der Tag sich nämlich langsam dem Ende neigte und ich einen letzten Blick über die Kieler Förde auf das Meer genommen hatte, musste ich zu meiner neuen Bleibe. Ich fragte ich ein älteres Ehepaar an der Hafenpromenade nach dem Weg, woraufhin die beiden mich spontan in ihr Auto sackten und wiederum bis vor die Haustür brachten.
Für komfortliebende Platzsparer: Das Autorrad
Nette Menschen gibt es!
Am Abend traf ich mich dann im "Tucholsky" mit Julia Schneider und es war schön, mal wieder ein vertrautes Gesicht zu sehen. Wir unterhielten uns prächtig über die "alten Zeiten" in der Schule und ließen uns Tequilla und Longdrinks zu Spottpreisen schmecken, ohne etwas böses zu ahnen. Doch dann passierte es: "Meine Herrschaften, sie sehen sehr jung aus. Dürfte ich bitte mal Ihre Ausweise sehen?", lallte eine Stimme. Nach einer kurzen Verhandlung, ob der offensichtlich alkoholisierte Mittdreißiger mich nicht lieber festnehmen und in Handschellen abführen wolle, zeigte ich dann bereitwillig meinen Ausweis und erbat seine Dienstmarke, woraufhin er mir doch ernsthaft seinen Personalausweis vor die Nase hielt und ein Gespräch mit uns anfing.
Blick über den Kleinen Kiel in Richtung Rathaus
Er und sein "Kollege" wären Teil einer Hundertschaft, die extra angerückt wäre um hier Minderjährige und Junkies hochzunehmen. Auf meine Frage, ob Alkohol im Dienst denn erlaubt sei, gab er mir ein entschiedenes "Ja!" zur Antwort und der Hanfblattaufnäher auf der Jeansjacke seines Dienstgenossen war sicherlich auch nur reine Tarnung. Nachdem die beiden - wir waren ja schließlich achtzehn und damit legal - uns noch zwei Tequilla spendiert hatten, stellten sie verärgert fest, dass es aufgrund der verschwindend wenigen Besucher, unter denen sich höchstwahrscheinlich weder Minderjährige noch Junkies befanden, an diesem Abend nichts zu holen gab. Nachdem sie sich noch kurz aufgeregt hatten, dass jetzt noch mindestens neunzig Kollegen sinnlos vor der Tür warteten, legten sie resigniert fest: "Wir brechen ab!" Das war auch die beste Entscheidung die sie treffen konnten, denn die beiden hatten es mit der Happy Hour wohl etwas zu gut gemeint und ihren "Dienstgrad" mit jedem Schnaps weiter gesteigert, bis sie nun aufgrund völliger Trunkenheit nicht mehr weiter aufsteigen konnten.
Seemannsflair: Julia, Sarah und ich, drei Menschen von "Weltruf"
Die einzigen, die diese Hobbysherriffs an diesem Abend noch hätten hochnehmen können, waren wohl sie selbst. Julia und ich kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus und erstanden an der Bar noch zwei Zitronen, die wir für den Tequilla, der in Julias Kühlschrank im Studentenwohnheim auf uns wartete, verwenden wollten. Diesem verhängnisvollen einkauf ist es wohl auch zuzuschreiben, dass ich an diesem Abend nicht mehr zu meiner eigentlichen Bleibe ging, sondern lieber mit im Wohnheim übernachtete.
Am nächsten Tag war dann ein Stadtrundgang angesagt. Leider hatte ich nicht einen so großartigen Führer, wie es Marius in Lübeck gewesen war, und musste mich mal wieder auf eigene Faust durchschlagen. Doch das war garnicht so schlecht, denn nach einem leckeren und vor allem günstigen  Mittagessen im Kieler Schauspielhaus, lernte ich die Stadt schätzen, die mir am Vortag noch so suspekt gewesen war.
Schreventeich Nummer zwei
Obwohl ich noch nie so viel Blaulichtfahrzeuge und hektisch hupende Autofahrer gesehen hatte, bot mir die Stadt eine willkommene Abwechslung und Zeit zum Entspannen für Auge und Kopf. Denn direkt im Zentrum gibt es mehrere große Seen, die von malerischen Parks umgeben sind, wo ich mit gelöstem Blick entlangschlenderte und die Seele einfach mal wieder baumeln ließ. So schlimm es klingen mag, war es mir ganz recht, dass Kiel im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde und somit aus größtenteils neuzeitlichen Gebäuden besteht. Zwar mag ich die gotischen Backsteinbauten der norddeutschen Hansestädte sehr, die ich mir auf den letzten Stationen angesehen hatte, doch hatte ich davon erst einmal genug gesehen und freute mich besonders an den Kirchen, die durchweg schlicht und modern, ohne prunkvoll verzierte Gewölbe daherkamen.
Coole-Kisten-Kiel: Schon das zweite Auto, dass ich am liebsten geklaut hätte
So hatte sich mein Bild von Kiel am Ende dieses Tages ziemlich verändert und ich hatte eine ganz eigene, positive Beziehung zu dieser Stadt gefunden, was mich als  Ergebnis des Tages sehr zufrieden stellte.
Am Abend wurde es dann noch tausendmal besser, denn ich traf Sarah, die mich in Wittenberge CouchSurfing-entjungfert hatte und mittlerweile wegen ihres Studiums in Kiel wohnt. Endlich konnte ich nach knappen zwei Wochen Fischkoppdialekt mal wieder mit jemanden plaudern, der auch das "g" zum "j" und das "au" zum "o" macht, selbst wenn wir uns dafür einige abschätzige Kommentare anhören mussten. Es war so schön sie wiederzusehen und ihr Lachen, dem ich mich schon in Wittenberge in keiner Weise widersetzen konnte, machte meine Laune gleich noch einmal so gut, wie sie ohnehin schon war.
Das Kieler Rathaus mit seinem wunderbaren Glockenspiel und die Oper
Wir verstanden uns auch diesmal wunderbar und gingen zur Feier des Tages noch ins "Weltruf", einer tollen Tanzbar, die aufgrund ihrer schiffsähnlichen Machart echtes Seemannsambiente aufkommen lässt. Dort lernten wir, dass man bei Filtermangel aus Tampons einen durchaus funktionablen und rauchbaren Ersatz herstellen kann und tanzten bei reichlich "Astra" bis früh um halb sechs, bevor wir nach einer letzten runde zu "Creep" von Radiohead den scheinbar endlosen Heimweg antraten.
Samstag sollte mein letzter Tag in Kiel sein und ich brach nach langem Schlaf am späten Nachmittag in die Stadt auf, um mir das noch anzusehen, was ich am Vortag nicht geschafft hatte. Zuerst besuchte ich die wirklich großartige Fotoausstellung "mare" in der Stadtgalerie und ging dann noch zur Nikolaikirche, die mich wie alle anderen durch ihre schlichte Schönheit begeisterte.
Sarah und ihre Freundin Tina
Nach einem kurzen Stop im Internetcafé marschierte ich dann schnurstracks wieder zu Sarah, wo heute die Einweihungsfeier der neuen Wohnung steigen sollte. Die Leute waren dank Bier und Schlammbowle in geraumen Mengen gut gelaunt und als dann auch noch zwei der neuen Nachbarn aufschlugen, war die Party für kurze Zeit nicht mehr zu toppen. Leider verpassten manche Leute den Punkt, an dem Alkohol eine zweifelsohne perfekte Partyatmosphäre erzeugt, was alsbald zu einigen komatösen Schlafattacken führte und die Stimmung allmählich abflauen ließ.
Das ließen Sarah, ihre Freundin Tina, einer der Nachbarn und ich natürlich nicht auf uns sitzen und flüchteten nach einem kurzen Stop bei McDonalds, wo wir dann bei einer kleinen Schlägerei miterleben durften, dass Proleten überall dumm sind, in den nächsten Club.
Aus Bucht wird Meer: Der Ausgang der Kieler Förde zur Ostsee
Die dortige Depeche-Mode-Party war allerdings ähnlich spannungsgeladen wie die virtuosen Schnarchdarbietungen mancher Gäste bei Sarah, weshalb wir dann doch einmal mehr im "Tucholsky" landeten. Hier war eindeutig mehr los und wir tanzten munter drauf los, während der offensichtlich sexuell ausgehungerte Nachbar anscheinend versuchte, die Baugrube eines Wolkenkratzers auszuheben, so wie er die beiden Mädels anbaggerte. Letztendlich war seine Schaufel aber doch zu klein und machten uns gegen sechs auf den Weg nach Hause.
Beim Einschlafen, dachte ich noch einmal darüber nach, das Sarah wohl nicht umsonst genauso heißt, wie meine beste Freundin und ich in ihr einen besonderen Menschen gefunden habe. Ich habe den Eindruck, dass sie, obwohl wir uns nur für ein paar Tage kennengelernt haben, nicht nur eine Bekanntschaft sondern eine Freundin für mich geworden ist.
Meine Gastgeber: Sarah, Bea, Esther und ich
Ich weiß nicht, ob der Begriff Seelenverwandschaft übertrieben ist, aber es kommt mir vor, als ob ich sie schon ewig kennen würde und die merkwürdigen Parallelen, die während unserer Gespräche auftauchten, gingen weit über den gleichen Namen und den ähnlichen Heimatort hinaus. "Schade, dass sie jetzt zu studieren anfängt, denn mit ihr könnte ich glaube ich auch ans Ende der Welt fahren.", dachte ich bevor ich einschlief.

Erkenntnis der Tage: Gib nicht zu viel darauf, was die Leute sagen.

Held der Tage: Hauke Schremmer!!!
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photo by: laurensteer