Belgien im Sturm genommen
November 30, 2007
Da ich am Vortag ja genug geschlafen hatte, startete ich in Brüssel um einiges früher als auf den letzten Etappen und war am späten Nachmittag an meinem Etappenziel in Gent angelangt. Der junge Mann, der mich von einer Tankstelle die letzten Kilometer mitgenommen hatte, setzte mich genau neben der Busstation ab und ich machte mich auf den Weg zu Eva. Das war ausnahmsweise noch nicht die Person, die mich für diese Nacht beherbergen sollte, sondern wir hatten uns für einen Kaffee bei ihr verabredet. Kaffee war allerdings das letzte, was sie an diesem Tag gebrauchen konnte, denn der vertrug sich nicht sonderlich gut mit ihren Kopfschmerzen. Eva hatte am Abend zuvor arg gefeiert und nun einen monströsen Kater, der schon fast ein Tiger war. Kurz gesagt, war mit ihr nicht viel anzufangen und nach einer guten Stunde erlöste ich uns beide, indem ich wieder meiner Wege ging.
Kurz darauf war ich in meiner Bleibe für diese Nacht angelangt und lernte Charlotte kennen. Ihre Augen und ihr Lächeln stritten sich eisern darum, wer am meisten strahlt und ich war mir sofort sicher, dass Charlotte herzensgut war. Sie hatte ein Jahr lang mit Straßenkindern in Chile gearbeitet, die sich wohl keine bessere Person hätten Wünschen können und auch mich empfing sie mit einer mütterlichen Sorgsamkeit. Ich war ihr erster CouchSurfer und sie hatte an mir ebenso viel Freude, wie ich an ihr. Wir machten und bald auf die Suche nach etwas Essbarem, was sich allerdings gar nicht so einfach gestaltete, da die Geldautomaten in Gent mit unserem Vorhaben nicht einverstanden schienen und so begab es sich, dass wir nach einer kleinen Odyssee quer durch Gent gegen zehn mit leerem Magen auseinander gingen. Charlotte hatte an diesem Abend noch Großes vor, denn sie war auf einen Galaball eingeladen und ich konnte sie nur schwer davon überzeugen, dass es kein Problem sei, mich alleine zurückzulassen.
Ich ging davon aus, dass ich mich schon nicht langweilen würde, weil ich in weiser Voraussicht noch eine andere Verabredung getroffen hatte. Doch nachdem ich etwas mehr als eine Stunde im immer stärker werdenden Regen nach der Straße gesucht hatte, griff ich schon halb durchgeweicht nach meinem Handy, um einen Augenblick später von einer müden Stimme am anderen Ende der Leitung begrüßt zu werden. Die Gute war vom Schlaf überrumpelt worden und fühlte sich nun nicht mehr in der Verfassung, mich noch zu treffen. "Warum auch?", dachte ich mir und machte mich pitschnass, durchgefroren und reichlich sauer auf den Weg zur Straßenbahn. Als ich am Korenmarkt ankam, stand sogar schon eine da und ich begann zu rennen. Pünktlich in dem Moment, da mein Schuh mit dem Wasser einer Pfütze geflutet wurde, setzte sich auch die Bahn in Bewegung und meine ohnehin schon überschäumende Freude wurde sogleich auch noch durch die Erkenntnis gesteigert, dass es sich dabei um die letzte handelte. Ich durfte meine überragenden Fähigkeiten im Regenlaufen also einmal mehr unter Beweis stellen und trottete gen Heimat.
"Das kann es nicht gewesen sein.", dachte ich mir, als ich an einer Studentenkneipe vorbeikam und entschloss mich wenigstens für ein Bier dort einzukehren. Mein Riecher hatte wieder einmal Recht, denn kurz nachdem ich mich an der Bar niedergelassen hatte, sprach mich Peter an. Obwohl das Glas Whisky auf dem Thresen nicht sein erstes gewesen zu sein schien, war er mir durchaus sympathisch. Ich konnte seinem etwas lallenden Niederländisch schnell entnehmen, dass er von England über Indien bis hin zum Kongo wohl schon durch die halbe Welt gereist war und outete mich als "Kollege". Das erfreute ihn dermaßen, dass er mir gleich noch ein Bier bestellte und wir unterhielten uns munter weiter, soweit es mein und vor allem sein Niederländisch, dass er mit jedem Schluck etwas mehr herunterspülte, zuließen. Meine Bitte um eine Zigarette beantwortete er ohne Umschweife mit einer ganzen Schachtel und den Worten: "Hier! Ich war selbst Reisender, ich weiß wie es ist." Recht hatte er.
Als ich etwas später wieder zu Hause war und mich meiner tropfenden Kleidung entledigt hatte, war mein Unmut vollkommen verflogen. Diese Begegenung, so schräg sie auch gewesen sein mochte, hatte mich wieder bestärkt. Nichts war umsonst geschehen und ich wusste, dass ich mich beim nächsten Mal nicht so schnell von einem bisschen Wasser unterkriegen lassen würde. Wirklich, ich freute mich wieder, als ich Yann Thiersens wundervollen Amélie-Soundtrack anschaltete und mich mit einem Buch in mein heimeliges Bett kuschelte.
Erkenntnis des Tages: I'm sining in the rain.Kurz darauf war ich in meiner Bleibe für diese Nacht angelangt und lernte Charlotte kennen. Ihre Augen und ihr Lächeln stritten sich eisern darum, wer am meisten strahlt und ich war mir sofort sicher, dass Charlotte herzensgut war. Sie hatte ein Jahr lang mit Straßenkindern in Chile gearbeitet, die sich wohl keine bessere Person hätten Wünschen können und auch mich empfing sie mit einer mütterlichen Sorgsamkeit. Ich war ihr erster CouchSurfer und sie hatte an mir ebenso viel Freude, wie ich an ihr. Wir machten und bald auf die Suche nach etwas Essbarem, was sich allerdings gar nicht so einfach gestaltete, da die Geldautomaten in Gent mit unserem Vorhaben nicht einverstanden schienen und so begab es sich, dass wir nach einer kleinen Odyssee quer durch Gent gegen zehn mit leerem Magen auseinander gingen. Charlotte hatte an diesem Abend noch Großes vor, denn sie war auf einen Galaball eingeladen und ich konnte sie nur schwer davon überzeugen, dass es kein Problem sei, mich alleine zurückzulassen.
Ich ging davon aus, dass ich mich schon nicht langweilen würde, weil ich in weiser Voraussicht noch eine andere Verabredung getroffen hatte. Doch nachdem ich etwas mehr als eine Stunde im immer stärker werdenden Regen nach der Straße gesucht hatte, griff ich schon halb durchgeweicht nach meinem Handy, um einen Augenblick später von einer müden Stimme am anderen Ende der Leitung begrüßt zu werden. Die Gute war vom Schlaf überrumpelt worden und fühlte sich nun nicht mehr in der Verfassung, mich noch zu treffen. "Warum auch?", dachte ich mir und machte mich pitschnass, durchgefroren und reichlich sauer auf den Weg zur Straßenbahn. Als ich am Korenmarkt ankam, stand sogar schon eine da und ich begann zu rennen. Pünktlich in dem Moment, da mein Schuh mit dem Wasser einer Pfütze geflutet wurde, setzte sich auch die Bahn in Bewegung und meine ohnehin schon überschäumende Freude wurde sogleich auch noch durch die Erkenntnis gesteigert, dass es sich dabei um die letzte handelte. Ich durfte meine überragenden Fähigkeiten im Regenlaufen also einmal mehr unter Beweis stellen und trottete gen Heimat.
"Das kann es nicht gewesen sein.", dachte ich mir, als ich an einer Studentenkneipe vorbeikam und entschloss mich wenigstens für ein Bier dort einzukehren. Mein Riecher hatte wieder einmal Recht, denn kurz nachdem ich mich an der Bar niedergelassen hatte, sprach mich Peter an. Obwohl das Glas Whisky auf dem Thresen nicht sein erstes gewesen zu sein schien, war er mir durchaus sympathisch. Ich konnte seinem etwas lallenden Niederländisch schnell entnehmen, dass er von England über Indien bis hin zum Kongo wohl schon durch die halbe Welt gereist war und outete mich als "Kollege". Das erfreute ihn dermaßen, dass er mir gleich noch ein Bier bestellte und wir unterhielten uns munter weiter, soweit es mein und vor allem sein Niederländisch, dass er mit jedem Schluck etwas mehr herunterspülte, zuließen. Meine Bitte um eine Zigarette beantwortete er ohne Umschweife mit einer ganzen Schachtel und den Worten: "Hier! Ich war selbst Reisender, ich weiß wie es ist." Recht hatte er.
Als ich etwas später wieder zu Hause war und mich meiner tropfenden Kleidung entledigt hatte, war mein Unmut vollkommen verflogen. Diese Begegenung, so schräg sie auch gewesen sein mochte, hatte mich wieder bestärkt. Nichts war umsonst geschehen und ich wusste, dass ich mich beim nächsten Mal nicht so schnell von einem bisschen Wasser unterkriegen lassen würde. Wirklich, ich freute mich wieder, als ich Yann Thiersens wundervollen Amélie-Soundtrack anschaltete und mich mit einem Buch in mein heimeliges Bett kuschelte.
Held des Tages: Peter
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