Abenteuer in allen Belangen

Berlaar Travel Blog

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Ich habe es geschafft: Der Bahnhof von Antwerpen
Utrecht konnte ich nicht verlassen, ohne die Stadt wenigstens einmal am Tage betrachtet zu haben. So startete ich am frühen Nachmittag mit dem Fahrrad in Richtung Stadt und steuerte zielstrebig auf den Dom zu, der seinem guten Ruf wirklich alle Ehre macht.  Ich betrat das imposante Schiff und spürte sofort diese Energie großer Kirchen, die einen still und klein werden und ehrfürchtig nach oben schauen lässt. Doch hier war noch etwas anderes, mehr als nur riesige Schönheit und tausendjährige Geschichte. Hier fühlte ich mich vom ersten Moment an auf eine ganz eigenartige Weise geborgen, gar zu Hause und sorgte mich um nichts, was kommen mochte.

Aus einem Grund, den ich mir selber nicht erklären konnte, war es mir danach, eine Kerze anzuzünden, deren Feuer ich noch einige Zeit mit meinen Augen trank, während die Musik des Kirchenensembles gleichmäßig schön und hallend durch die Kirche schwebte.
Wahnsinnsparty: Maarten, ich und Floris
Ich wollte diesem öffentlichen Konzert noch etwas lauschen und ging näher an den Chorraum, als etwas passierte, das wohl ein Zeichen gewesen sein muss. Ein Solist erhob sich und lies seine feine Tenorstimme in klarem Deutsch erklingen: "Da ist ein Flügel, der dich deckt." Ich lächelte, nickte und war dankbar wie selten zuvor.

Es war allerdings nicht geplant, dass ich dieses Versprechen noch am selben Abend auf die Probe stellen würde. Nachdem ich meine Stadtbesichtigung bei einem letzten niederländischen Kaffee ausklingen lassen hatte, wartete zu Hause schon meine Wäsche auf mich, die nach erfolgeicher Reinigung nun wieder fein säuberlich in meinem Rucksack verstaut werden wollte. Dann war da auch noch Atalia, von der ich mich ebenso wenig losreißen konnte wie vom reichhaltigen Abendessen und so hatte der Zeiger der Uhr die Acht schon längst überschritten, als ich endlich an der Straße stand.

Das Zimmertoren in Lier
Dieses Unterfangen war nahezu unmöglich, denn es war dunkel, regnete ohne Unterlass und von Antwerpen trennten mich noch knappe 130 Kilometer.

Nach etwa einer Stunde war ich durchnässt, begann zu frieren und wollte schon fast meine vorsorgliche Ankündigung wahr machen und zu Atalia zurückgehen, als endlich ein Wagen hielt. Das Ehepaar darin erklärte mir, dass diese Stelle nicht sonderlich gut für meine Richtung und ich eigentlich schon verloren sei und stellte mich vor die Wahl: Entweder würden sie mich zu einer Tankstelle an der richtigen Autobahn bringen, oder ich könnte diese Nacht in ihrem Haus schlafen und mein Glück am Morgen versuchen. Es war halb zehn, ich war noch keine fünf Kilometer weit gekommen und dieses Angebot brachte mich ernsthaft ins Überlegen.

Das Rathaus von Lier
Doch dann fielen mir die Worte vom Nachmittag wieder ein und ich vertraute ihnen.

"Viel Glück!", hieß es, als ich zehn Minuten später an der Tankstelle ausstieg. Glück konnte ich nun  wirklich gebrauchen und Gott sei Dank hatte ich es auch, denn es dauerte nicht lange, bis mich zwei Araber einsackten. Die Sprache, die sie neben dem Niederländischen sprachen konnte ich nicht erkennen, aber Deutsch oder Englisch waren definitiv nicht dabei. Trotzdem war es kein Problem, ihnen zu vermitteln, wohin ich wollte und mein Holländisch war gut genug, um den Fahrer mit winkendem Zaunpfahl darauf aufmerksam zu machen, dass verschwindend kurze 10 Kilometer hinter seiner eigentlichen Abfahrt eine Raststätte liegt, die viel besser für mich wäre. "10 Kilometer? Kein Problem!", lautete die Antwort und ich war so gut wie gerettet.

Denn nun stand ich an einem Rastplatz, von dem aus ich wohl über die Grenze hätte laufen können und erwartungsgemäß brauchte ich keine zwei Minuten, bis sich zwei Franzosen bereit erklärten, mich nach Antwerpen mitzunehmen. Dort hatte ich dann das vierte mal Glück, denn direkt neben der Abfahrt befand sich ein Bahnhof und so war ich um kurz nach 11 endlich im Zentrum. Es war unfassbar, ich hatte es geschafft!

Am Hauptbahnhof war ich mit Maarten verabredet, der es kaum glauben konnte, dass ich wirklich da war. Nach meiner letzten Meldung um halb zehn aus Antwerpen hatte auch er die scheinbare Hoffnunglosigkeit meines Vorhabens erkannt und war fest davon ausgegangen, dass ich es nie im Leben schaffen würde. Doch nun war ich hier und gespannt auf die Party, die er mir versprochen hatte, schon als er mir zwei Monate vor Beginn meiner Reise zum ersten Mal schrieb. Das war genau so ein Zufall wie alles andere bisher, denn es hatten sich Topf und Deckel gefunden und schon während der Straßenbahnfahrt nach Deurne, einem Stadtteil von Antwerpen, philosophierten wir und unterhielten uns als ob wir uns seit Jahren Freunde gewesen wären und kamen schnell in einem grundlegenden Punkt überein: "Alles ist eins." Anders war diese Situation auch nicht zu erklären.

Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Die Party war hoffnunglos überfüllt und die Devise hieß warten. Obwohl es regnete und gefühlte minus zehn Grad herrschten, störte mich das nicht besonders, denn ich wusste, dass ich es nicht bis hierher geschafft hatte, um letztendlich vor verschlossenen Türen zu stehen. Und so kam es mir dann auch gar nicht so lang vor, bis man ein Bändchen um mein Handgelenk schloss und sich die Tür zur ersten GOA-Party meines Lebens öffnete. Schon nach wenigen Minuten war ich mir sicher, dass es nicht die letzte sein würde, denn dass hier war verschieden von allem, was ich bisher erlebt hatte. Maartens Bruder, seine Freunde und alle anderen waren von einer herzlichen Freundlichkeit, wie ich sie nicht einmal von Festivals kannte und ich hätte jedem hier blind vertraut. Dadurch ergab sich eine einzigartige Atmosphäre, die nicht zu übertreffen war. Jeder tanzte, als ob niemand schauen würde, lachte, als ob nie jemand etwas Falsches denken könnte und war mit allen anderen auf das Innigste verbunden. Alles war eins!

Das lag wohl auch daran, dass in dieser Nacht jede Droge im Umlauf war, die auch nur einigermaßen populär ist und viele einer kleinen Erweiterung ihres Geistes nicht abgeneigt gegenüber standen. Ich jedenfalls blieb mir und meiner guten Erziehung treu und ließ die Finger von allem, was nicht gelb oder grün ist.  Und man höre und staune: Ich habe es auch ohne den künstlichen Energiebringer durchgehalten, bis  dann früh um neun alles vorbei war. Vorbei war es auch beim Rest der Party-Crew und wir traten den Heimweg an, der mir mit meinen 30 Kilo auf dem Rücken wie blanke Folter vorkam. Ich schleppte mich von einem Fleck zum anderen, schlief, wenn ich mich nicht fortbewegte und wartete nur noch sehnsüchtig auf ein Bett, dass ich in ?aartens Haus endlich erreichte, als die Nachbarn schon am Mittagstisch saßen. Aus diesem Grund ist es denke ich verständlich, dass es über den Sonntag nicht sonderlich viel zu berichten gibt.

Erkenntnis der Tage: Da ist ein Flügel, der dich deckt.

Helden der Tage: Maarten und sein Bruder Floris

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photo by: horsebadorties