Sljudjanka
Wir, das
englische Paar und ich, haben uns am Vortag dazu entschieden, eine mehrtägige
Tour an den Baikalsee zu unternehmen, dieselbe sollte mit dem Rad beginnen. Unser
Tour-Guide hat uns Fahrräder samt Helmen (Oh Wunder daß die Russen sowas verwenden!)
zur Verfügung gestellt. Wir sind also zum Bahnhof geradelt (Radfahren in
russischen Städten ist nicht ganz ungefährlich, gottseidank war der Bahnhof nur
wenige Minuten entfernt), wo wir einen Zug nach Sljudjanka genommen haben. Das
ist etwa 80km von Irkutsk entfernt und liegt am südwestlichen Ende des
Baikalsees. Der Zug braucht dorthin eine Ewigkeit von dreieinhalb Stunden -
warum, weiß ich nicht, es ist zwar ein bisschen bergig, aber dennoch erscheint
die Zeitspanne etwas lang. Wenige Stationen vor Sljudjanka, noch am Berg, sind
wir mitsamt Rädern ausgestiegen. Hat sich als etwas schwierig herausgestellt,
denn wir waren im letzten Waggon und dort war kein Bahnsteig mehr. Wir habens
aber gesschafft und sind dann auf der Bundesstraße, die eigentlich kaum
befahren war, bergab Richtung Sljudjanka gefahren. Dort sind wir ein Stück
entlang der Eisenbahn und dann auf eine kleine Halbinsel im See geradelt. Diese
Halbinsel besteht im wesentlichen nur aus einem Felsen, von dem man ins kalte
Baikalwasser springen kann. Es gibt, wie im Schwimmbad, unterschiedliche Höhen,
aus denen man springen kann, 2, 4 und 6 Meter, ich hab dann die goldene Mitte
gewählt. Das Wasser hat irgendwas zwischen 14 und 18 Grad, ist also reichlich
kalt, also gleich wieder raus und in der Sonne getrocknet.
Danach
sind wir den gleichen Weg zurückgefahren bis Kultuk. Dort trennen sich die neue
und die alte Trasse der transsibirischen Eisenbahn. Die alte Strecke führt als
Zirkumbaikalbahn bis Port Baikal weiter - das aber hauptsächlich für Touristen.
Dieser eingleisigen Strecke sind wir dann mit dem Fahrrad gefolgt - unmittelbar
neben und zum Teil auf den Schienen. Die Züge verkehren hier extrem langsam,
nämlich mit etwa 25km/h, sodaß im seltenen Falle eines nahenden Zuges genügend
Zeit bleibt, die Schienen zu verlassen. Wenn man sich die Schienen anschaut,
weiß man auch, warum das so ist. Viele Nägel fehlen, Schwellen fehlen auch oder
sind abgemorscht. Das Wetter war toll, die Abendsonne hat geschienen, sodaß das
ein wunderbares Erlebnis war, die Strecke verläuft unmittelbar am Ufer des Sees
entlang und führt durch unzählige Tunnel, die wir natürlich auch mit dem Rad
durchfahren sind. Schnell sind wir allerdings nicht vorangekommen. Gegen Abend
haben wir unsere Unterkunft erreicht: Ein 70 Jahre altes sibirischen Holzhaus
zwischen Bahntrasse und See direkt an der Station Smaraja Angasolka.
Diese
Unterkunft bedarf einer kurzen Beschreibung. Die Inhaberin dieses Gebäudes hat
natürlich auch kein Wort in einer mir bekannten Sprache gesprochen. Hat aber
nichts gemacht, wir haben sie ohnehin nicht oft gesehen. Gleich hinter der
Eingangstür war eine kleine Kochstelle mit schmutzigem Geschirr, rechts eine
Tür zu dem Zimmer, in dem wir uns aufhalten und schlafen haben können. Das
ganze Haus war voll von Marienkäfern, so viele wie ich sie noch nie gesehen
habe, die ganze Decke war voll davon, es waren ohne Übertreibung sicher
hunderte davon, wenn nicht tausende. Es waren allerdings
"invertierte" Käfer, also schwarze Käfer mit roten Punkten. So schön gelegen
das Haus auch war, es war extrem schmutzig. Draußen gab es nur ein sibirisches
Klo, das allerdings nicht, wie oft vermutet, aus zwei Holzstangen besteht,
sondern im Grunde ein Loch im Boden ist, ähnlich einem Plumpsklo. Von Hygiene
natürlich keine Spur, jeder Baum im Wald ist weit hygienischer.
Abends
hat uns unser Guide verlassen und wir mußten das mitgebrachte Essen kochen. Naja,
kochen ist übertrieben, das russische Essen ist nicht besonders schmackhaft und
die Russen lieben Fertignahrung mit ekligen Geschmacksstoffen. Solche haben wir
dann auch zu uns genommen, einfach Pulver mit kochendem Baikalwasser übergossen
und fertig war das Abendessen - Allerdings erst, nachdem wir alles Geschirr und
Besteck gründlich gewaschen haben. Das tolle am Baikalsee ist, das man das
Wasser direkt aus dem See trinken kann. Das Wasser ist so sauber, daß man es in
Flaschen abgefüllt kaufen kann und es schmeckt wirklich gut. Die Russen lieben
allerdings kohlesäurehältiges Wasser, was ich nicht verstehe und auch nicht
ausstehen kann. Deswegen ist auch das einzige russische Wort, das ich bisher
kann, das Wort für "ohne Kohlensäure", nämlich
"Negasirowannaja". Es ist aber selbst im Supermarkt nicht leicht,
solches Wasser zu bekommen, denn die Russen schütten überall Kohlensäure rein. Egal,
zurück zur Hütte, danach haben wir uns schlafen gelegt.









