Saigon

Ho Chi Minh City Travel Blog

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Die Nacht habe ich im Zug verbracht und nicht besonders viel geschlafen. Der Zug war sehr, sehr laut und ziemlich holprig. In russischen und chinesischen Zügen hab ich deutlich besser geschlafen. Nachts hatte ich Albträume, weil mir der Vietnamese im Abteil erklärt hat, wieviele Kriminelle in Saigon sind, die Rucksäcke aufschlitzen und klauen - das deckt sich aber nicht mit den Informationen, die ich sonst überall gehört habe. Taschendiebstahl sei zwar hoch, aber sonst ist Vietnam sehr sicher, also bewaffnete Raubüberfälle oder dergleichen gibt es meinen Informationsquellen zufolge kaum. Die größten Kriminellen sind aber die Verkäufer - egal, was sie verkaufen, für Ausländer schlagen sie mindestens 100, öfter aber 200 Prozent des "einheimischen" Preises drauf - durch feilschen kann man den Preis aber meist ein wenig drücken.

Schließlich, zu nachtschlafener Zeit um halb sechs Uhr morgens, hat der Zug schließlich Saigon, oder wie die Stadt eigentlich heißt, Ho Chi Minh City, erreicht. Warum die Stadt offiziell den Namen ihres Nationalhelden trägt aber auf meinem Ticket trotzdem Saigon steht, habe ich nicht verstanden. Mit der Ankunft in Saigon habe ich jedenfalls jenen Punkt erreicht, der von Europa am weitesten entfernt und mit der Eisenbahn erreichbar ist. Von hier geht es nur mit Bus oder Schiff weiter, nach Thailand oder Singapur gibt es keine Zugverbindung, denn in Cambodia gibt es nur wenige lokale Züge, in Laos gibt es gar keine Eisenbahn und meines Wissens trifft das auch für Burma zu. Die Strecke Graz - Saigon ist je nach Route etwa 20.000 Eisenbahnkilometer lang.

Ich hab mir gleich vor dem Bahnhof ein Taxi genommen und weil ich schrecklich müde war, war ich auch zu müde zum Feilschen und hab mit umgerechnet 3,50 EUR einen völlig überhöhten Preis gezahlt. Schließlich bin ich im Hotel angekommen, das war noch geschlossen, also mußte ich den Nachtportier wecken, der mir erklärt hat, daß mein Zimmer noch nicht frei ist, aber ich mein Gepäck abstellen kann. Das habe ich natürlich befürchtet, und so habe ich einen Spaziergang durch das morgentliche Saigon gemacht. Der große Markt sowie der Wiedervereinigungspalast samt Park waren noch geschlossen. Unweit davon haben die Franzosen im 19. Jahrhundert eine Kirche gebaut - mit dem Namen Notre Dame. Mit dem Original in Paris hat diese Kirche allerdings bis auf die zwei Türme nicht viel gemeinsam. Natürlich ist sie viel kleiner und außerdem rot. Nachdem ich ein paar Fotos gemacht hatte, wollte ich hineingehen. Die Kirche war nicht nur offen, sondern es war sogar gerade Gottesdienst. Also bin ich geblieben, ein katholischer Gottesdienst auf vietnamesisch war interessant, denn die Menschen stehen die meiste Zeit nur mit verschränkten Armen da und selbst zum Friedensgruß drehen sie sich einander nur zu und nicken, Hände werden keine gereicht. Auch hier baumeln statt Lustern Ventilatoren von der Decke und auch sonst sind überall welche aufgestellt. Als der Gottesdienst zu Ende war, hat gleich der nächste angefangen, was die Vermutung nahegelegt hat, daß heute wohl Sonntag sein muß. (Den Überblick über die Wochentage habe ich schon lange verloren.) Dem Anschlagbrett der Kirche habe ich entnommen, daß an Sonntagen jeweils sieben und an Werktagen jeweils fünf Gottesdienste stattfinden - sehr zu meiner großen Verwunderung, so viele Katholiken hätte ich mir in Vietnam nicht vorgestellt.

Obwohl ich in der Kirche ein wenig sitzen konnte, war ich immer noch müde und habe mich auf den Umweg über das Mekong-Ufer zum Hotel gemacht. Vorher habe ich in einem netten Straßenlokal noch eine Kleinigkeit gegessen. Dann bin ich aufgestanden und um mir einen Überblick zu verschaffen, wo ich war, habe ich den Stadtplan zu Rate gezogen. Während ich mich gerade zu orientieren versuche, springt mich plötzlich ein Hund an und zwickt mich in die Hand. Er ist dann natürlich gleich davongelaufen, ich habe mich ziemlich geschreckt. Passiert ist nichts, wehgetan hats auch nicht, aber trotzdem haben seine Zähne einen winzig kleinen blutenden Fleck hinterlassen. Ich habe zwar in Graz vorbeugend drei Tollwutspritzen bekommen, aber ich habe mich trotzdem nicht wohlgefühlt, weil ich keine Ahnung habe, welche ungustiösen asiatischen Krankheiten Hunde hier sonst noch übertragen können. Ich habe zwar gleich Desinfektionsmittel verwendet, bin aber trotzdem nach Rücksprache mit meiner Reiseversicherung zur "International SOS Clinic" gegangen. Ein westliches Krankenhaus schien mir vertrauenswürdiger als lokale Ärzte. Das war eigentlich nur 10 Minuten zu Fuß entfernt, also bin ich dort hingegangen. Der Arzt dort hat zunächst die Wunde kaum gefunden weil sie so klein war, hat sie dann genau beäugt und gemeint, Tollwut war zu 99% nicht im Spiel und auch sonst wahrscheinlich nichts Gefährliches, aber nachdem man nie wisse, wäre eine Tollwutinjektion trotzdem gut, auch wenn ich schon drei hatte.

Beruhigt habe ich mich auf den Heimweg gemacht, der Spaß hat 35 Euro gekostet. Die Tatsache, daß ich beruhigt schlafen kann, wars das aber auf jeden Fall wert. Nach meiner Rückkehr ins Hotel war mein Zimmer schon bezugsfertig. Leider ohne Klimaanlage, dafür billiger. Die Vietnamesen scheinen eigenartige Gesetze zu haben, denn an meiner Tür hängt ein Schild mit folgender Notiz: "VN Police Regulation: Foreigner and Vietnamese woman must not stay in a room without marriage certificate. You can rent another room for her." Ich schätze, das ist schön formuliert für "Prostitution verboten".

Ich war reichlich müde, nachdem ich nachts nicht wirklich geschlafen habe, also habe ich mich ein bisschen im Hotel ausgeruht. Später ist mir ein indonesischer Journalist begegnet, der einen Artikel über Agent Orange für ein Magazin schreibt. Das ist das Mittel, das die Amerikaner im Vietnamkrieg zum Entlauben der Bäume verwendet haben. Er hat uns die Fotos gezeigt, die er in einem Heim für behinderte Kinder gemacht hat, denn noch immer werden Kinder mit schweren Defekten auf Grund von Agent Orange geboren. Die Bilder sind nicht wirklich schön, die Mutationen sind schrecklich. Auch auf der Straße sieht man nicht selten Menschen, deren Behinderungen ganz offensichtlich auf dieses Mittel zurückgehen. Fußballgroße Knödel irgendwo am Körper, fehlende Augen oder Unförmige Köpfe sind nur einige der schweren Mißbildungen, die man sieht.

Der Kanadier ist mittlerweile auch in Saigon eingetroffen - wenn auch auf anderem Wege. Wir haben uns per E-Mail verabredet und haben uns zum Abendessen getroffen. Schlußendlich sind wir dahin gegangen wo ich mittags schon war und ich hab auch das gleiche nochmal gegessen weils wirklich gut war. Nachher wollten wir wieder etwas trinken gehen, in einem Lokal habe ich mir dann einen ganzen Liter frisch gepressten Orangensaft bestellt - weil so billig.
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